Sonder-Thema: Fleischkonsum im Laufe der Zeit

Heute möchte ich einen Blick darauf werfen, wie viel Fleisch der Mensch so in den verschiedenen Epochen verzehrt hat. Viele militante Fleischesser (ja, die gibt es auch) argumentieren ja, dass der Mensch seit der Steinzeit ein geborener Fleischesser sei. Wir schauen uns im Folgenden an, ob das auch so stimmt. Vorher habe ich einige Fragen, die Ihr mir gerne in den Kommentaren beantworten könnt:

Bist Du Fleischesser?

Hast Du heute Fleisch gegessen?

Im letzten Monat?

Isst Du Innereien (Herz, Niere, Leber, Lunge etc.?)

Tust Du das regelmäßig?

Kannst Du Dir vorstellen, ein ganzes Tier zu verwerten?

Was denkst Du, wie viel Fleisch der deutsche Otto-Normalverbraucher so im Jahr konsumiert?
Und was denkst Du, wie viel davon ist Fleisch „niedrigerer“ Qualität (Herz, Nieren, Leber, Lunge etc.).

Denn: in der Vergangenheit, eigentlich ist das noch gar nicht so lange her, wurde das so gemacht. Der heutige Trend aus der Sterne Gastronomie (Nose to Tail) war damals Alltag. Lass uns heute gemeinsam in 600.000 Jahren Kulturgeschichte wühlen und anschauen, wie der Mensch im Laufe der Geschichte Fleisch konsumiert hat. Und dabei seine Umwelt geformt hat.

Genetisch gesehen, ist der Mensch noch immer ein steinzeitlicher Jäger und Sammler.

13.114 Stunden unseres Lebens verbringen wir damit, uns und unsere Familien zu versorgen. Das sind 1,5 Jahre! Aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks: Wir müssen nicht mehr jagen, dafür „Sammeln“ wir im Supermarkt. Das ist unser neues Jagdrevier. 20 Minuten dauert heute ein Einkauf im Durchschnitt. 17 Uhr ist übrigens die beliebteste Uhrzeit. Ein Steinzeitmensch war da schon lange im Feierabendmodus.

Archäologen gehen davon aus, dass in der Urgeschichte das Jagen Männersache war und das Sammeln von den Frauen übernommen wurde. So ist es heute häufig auch noch. In den meisten deutschen Haushalten sind die Frauen zuständig für den Lebensmitteleinkauf. Statistisch gesehen wollen Männer den Einkauf so schnell wie möglich hinter sich bringen, während sich Frauen gerne Zeit lassen. Frauen brauchen durchschnittlich 26 Minuten, Männer 19.

Dank der Komplettauswahl im Supermarkt ging Einkaufen noch nie so schnell. Aber auch wer was kauft, ist oft geschlechtsabhängig: Während Frauen sich eigentlich um alles kümmern, lungern die Männer gerne an der Fleischtheke herum. Männer essen im Schnitt 160g Fleisch am Tag, während Frauen etwa die Hälfte zu sich nehmen. Nur 9% der Deutschen sind übrigens Vegetarier. Fleisch verbindet uns Europäer mit einer besonderen Geschichte, die ich jetzt gemeinsam mit Euch beleuchten möchte.

Fleisch hat für Menschen bis heute eine besondere Wertigkeit: Es hat eine hohe Energiedichte, einen hohen Eiweißgehalt, es steht am Ende einer langen Wertigkeitskette in der Agrarwirtschaft und es war häufig sehr, sehr knapp. All diese Faktoren führten dazu, dass Fleisch eine besondere Symbolkraft hat, gerade im deutschen Sprachraum.

Die Liebe zu Fleisch ist übrigens schon vor unserer Geburt erlernt: Im Fruchtwasser schwimmen neben den Embryos Geschmacksstoffe und einer davon ist halt Fleisch. Nach der Geburt geht es weiter: In der Muttermilch finden sich wieder feine Geschmacksstoffe dessen, was die Mutter so ist. Diese beiden Faktoren sind maßgeblich für unseren Vorliebenshorizont verantwortlich.

Da unsere Mütter und Großmütter vor allem Schweinefleisch liebten, mögen auch wir es besonders. Es versorgte uns früher in Wurstform über den Winter. 1500 Sorten gibt es in Deutschland. Und auch jede Menge Wurstbegriffe haben wir Deutsche:

Welche fallen Dir ein? Ich habe: Extrawurst, die beleidigte Leberwurst, Wurstfinger, etwas Verwursten, etwas ist mir Wurst, bei Diskussionen geht es um die Wurst. Ich finde es übrigens interessant, dass die meisten dieser Begriffe negativ konnotiert sind!

Jetzt setzten wir uns aber in die Zeitmaschine und wir fangen in der Altsteinzeit an:

Alteinzeit

Fleisch hat dazu beigetragen, den Homo Sapiens zum „Sieger“ der Evolution zu machen. Proteinreiches Fleisch förderte das Hirnwachstum im Laufe von Jahrtausenden. Hirnzellen brauchen 16x mehr Energie als Muskeln. So konnten wir unser Hirn zur Entwicklung unserer Kulturen nutzen, anstatt zur ständigen Nahrungssuche. Ja, ja. Jetzt höre ich da die kritischen Stimmen, die sagen: „Wo bleibt da die Weltherrschaft der Löwen oder die der Haie?“ Die können so viel Fleisch essen, wie sie wollen. Ihr Hirn wird nicht wachsen. Der Mensch ist das erste Tier auf diesem Planeten, das sein Essen kocht. Erst dadurch können Inhaltsstoffe richtig aufgenommen werden. Ja ich weiß, Bad News für Rohkostler. Aber der Mensch wurde zu dem, was er ist, weil er sein Essen gekocht hat.

Jetzt, wo der Mensch seine Liebe zum Fleisch entdeckt hat, wird er gleichzeitig zum Fluch für die Natur. Ich möchte an dieser Stelle mit gewissen romatischen Vorstellungen aufräumen, das der sogenannte Urmensch ja in Harmonie mit seiner Umwelt gelebt hätte. Kompletter Blödsinn. Noch bevor der Mensch sesshaft geworden ist, also so etwas wie Ackerbau oder einen Unsinn wie Viehzucht erfunden hat, hatte er es geschafft die komplette Großfauna auszurotten. Tiere wie das Wollnashorn, Mammut, oder das Riesenfaultier: Alle aufgefuttert. Vom Menschen. Punkt.  Einige Wissenschaftler würden mir hier widersprechen und anführen, man könne das ja so nicht verallgemeinern und das Klima habe sich ja auch geändert und überhaupt. Ich hingegen würde sagen: diese Wissenschaftler fallen in dieselbe Kategorie wie die heutigen Leugner des Klimawandels. Man redet sich sein Steak halt gerne schön!

Neolithikum (6000 BC):

99% seiner Existenz ist der Mensch Jäger und Sammler. Er zieht umher, jagt und sammelt, rottet die Großtiere in Europa aus und denkt sich dann, als das Wetter ein wenig besser wird: „Ich werde sesshaft, erfinde den Beruf des Bauern, ackere und betreibe Viehzucht.“ Großer Fehler, denn der Mensch domestiziert nicht Pflanzen und Tiere. Es ist das Getreide, das den Menschen sesshaft werden lässt. Es ist das Getreide, dass den Menschen domestiziert! Nicht umgekehrt.
Auf jeden Fall führt diese sesshafte Lebensweise zu einem sprunghaften Wachstum der Gesellschaft. Die Falle ist zugeschnappt: Der Mensch kann seine riesige Sippe nur noch als sesshafter Bauer durchfüttern. Tierhaltung und Ackerbau sind von nun an lebensnotwendig! Ein Weg zurück ist nicht mehr möglich.

Antike: Rom:

Viele unserer Essgewohnheiten stammen aus dem alten Rom, wie zum Beispiel 3 Mahlzeiten am Tag. Auch Fleisch war beliebt, aber nur wenig verfügbar. Die Römer aßen vor allem Getreide und Gemüse. Der Fleischkonsum lag relativ niedrig: 20-30kg pro Kopf pro Jahr. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich der Fleischkonsum nach oben.


Völkerwanderung:

Entscheidende Veränderung: Der Ackerbau ist primitiv und wenig ergiebig. Darum tritt der Fleischlieferant Nr. 1 (Schwein) seinen Siegeszug an. Schweinemast ermöglicht einen Verbrauch von Rund 100kg pro Kopf pro Jahr. Das ist möglich, weil Schweine „Selbstversorger“ sind. Sie fressen unsre Abfälle. Oder finden reichlich Futter, wenn sie zur Eichelmast in den Wald getrieben werden.

Frühmittelalter / Mittelalter:

Am Ende des ersten Jahrtausends wächst die Bevölkerung gewaltig und es ist nicht genug Boden und Wald da, um so viele Schweine zu ernähren. Der pro Kopf Verbrauch geht zurück auf etwa 40kg. Die Menschen steigen wieder vermehrt auf Ackerbau um. Fleischkonsum wird jetzt zum Statussymbol. Jetzt gibt es eine soziale Differenzierung: Bauern und Bürger. Die arme Landbevölkerung kann sich das Fleisch, dass sie produziert meisten gar nicht leisten. Auf der anderen Seite haben wir einen neuen städtischen Wohlstand, einen völlig neuen Lebensstil.

Dann entvölkert die Pest den Kontinent. Etwa ein Drittel der Bevölkerung fällt ihr zum Opfer. Einerseits eine Krise, aber die Menschen haben jetzt mehr Raum für Landwirtschaft und auch Viehzucht. Auftritt für das Rind. Jetzt haben wir wieder einen Konsum von 100kg pro Kopf.

Neuzeit:

Gab es im Mittelalter noch Flächen für die Tierhaltung in den Städten, verdreifacht sich die Bevölkerung jetzt. Kein Platz mehr für Tiere. Und das nur innerhalb von 300 Jahren. Zwischen 1500 und 1800 gab es eine katastrophale Proteinunterversorgung. Der Fleischkonsum lag weit unter

10 kg. Dann kam die Industrialisierung.

Industrialisierung:

Die Naturwissenschaften verbesserten die Landwirtschaft drastisch. Der Trend geht wieder aufwärts. Unterbrochen wurde er nur durch die beiden Weltkriege.

Aber auch hier wird in Notzeiten nicht auf Fleisch verzichtet. Mir liegen Menüs aus Sterneläden für feierliche Silvesterabende in Kriegszeiten aus Paris vor. Zum Hauptgang gab es tatsächlich Sauerbraten von der Ratte.

Zur Zeit des Wirtschaftsaufschwungs in den 50ern erreicht der Fleischkonsum eine neue Obergrenze. „Die fetten Jahre!“ 50-60kg sind jetzt die Norm. Man gönnt sich was nach den schlechten Jahren.

Heute:

Er:160g/Tag

Sie: 83g/Tag

Wir essen durchschnittlich im Laufe unseres Lebens (71 Jahre):

46 Schweine, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 4 Schafe und Lämmer, 4 Kühe und Kälber und last but not least: 945 Hühner. Zusammen gerechnet sind das 1097 Tiere im Laufe unseres Lebens. Guten Appetit. Im europäischen Ranking liegt Deutschland dabei übrigens nur auf Platz 9. Zypern und GB liegen weit vorne.

Wenn ich jetzt noch Milchprodukte, Obst und Gemüse einbeziehen würde, wären wir morgen noch nicht fertig. Zusammengefasst: Ein jeder von uns braucht im Laufe eines Lebens eine Anbaufläche von 1000 qm.  Wo kommt das alles her?

Über die Hälfte des Bundesgebietes besteht aus landwirtschaftlicher Produktionsfläche. 288.000 Betriebe sind für die Produktion von Lebensmitteln verantwortlich. Das ist nur dank eines massiven Produktionsschubs möglich: Anfang des 20. Jahrhunderts versorgte EIN Landwirt VIER weitere Menschen. In der Nachkriegszeit wachsen die Höfe. Technik und Naturwissenschaft helfen den Bauern. 1950 ernährt ein Landwirt bereits 10 Menschen. Heute sind es 140. Besonders im Norden und Osten gibt es Großbetriebe. Diese Großbetriebe erzeugen jedoch nur einen Bruchteil unserer Produkte. Im Westen und Süden gibt es dagegen viele kleine Höfe. 94% unserer Bauernhöfe sind noch immer Familienbetriebe. Sie decken den Löwenanteil unseres Bedarfs.

Das Erbe der Steinzeitlichen Bauern:

Tatsächlich werden bis zu 90% der benötigten Lebensmittel in Deutschland produziert. Der Trend geht zu Regionalität und kleineren Betrieben. Aber oft ist es nur ein idyllisches Bild: Denn wir kennen oft gar nicht die verschlungenen Wege, die unsere Lebensmittel zurücklegen. Zum Beispiel werden am Flughafen Frankfurt täglich Tonnen an Lebensmitteln umgeschlagen. Von immer weiter holen wir immer schneller immer exotischere Lebensmittel nach Deutschland. Dieser Trend ist die letzten 20-30 Jahre exponentiell angewachsen. Aber auch unsere eigenen Lebensmittel schicken wir auf solche Reisen. 2 Beispiele:

1.) Schwarzwälder-Schinken

tausende von Fleischern liefern tonnenweise Schinken in den Schwarzwald, um in dort zu veredeln. Denn dann kann man ihn original Schwarzwälder Schinken nennen. Dann wird er zurück gekarrt.

2.) Nordseekrabbe

Unsere wirtschaftlich bedeutendste Meeresfrucht. Sie werden von den Nordseehäfen nach Marokko geschifft (3000km) – zum Puhlen. Denn das ist da viel günstiger. Dort: 1,2 Euro pro Kilo hier 9-12 Euro. Dann gebt es wieder 3000km zurück.

All diese Wege legen die Lebensmittel zurück, um sie günstiger zu machen. Noch nie waren Lebensmittel, vor allem Fleisch, so günstig wie heute. Heute brauchen wir gerade mal 11% unseres Einkommens für Lebensmittel ausgeben. 1925 arbeitete man hauptsächlich, um sich zu ernähren:  47% des Einkommens gingen fürs Essen drauf. Es ist nicht so, dass man damals mehr auf Qualität achtete, nein, es war nur teurer.

Fazit:

Essen musste der Mensch schon immer. Aber er hat es stets gerne getan. Handel von Lebensmitteln, deren Verarbeitung wurden immer wichtiger. Heute ist es wichtiger denn je, zu entscheiden, was wir konsumieren wollen. Der Preis für die Entwicklung des Menschen haben hauptsächlich die Tiere gezahlt. Wie gehen wir damit um? Für mich ist es schwierig, denn eigentlich mag ich Fleisch. Aber man muss kein Historiker sein, um zu sehen, dass Fleisch als Hauptnahrungsquelle für die Menschheit antiquiert ist. Wir brauchen einen neuen, mutigen Blick in die Zukunft. Er darf und soll hungrig sein, wie es unsere Vorfahren waren. Aber wir haben nur diesen einen Planeten. Die Menschen haben zum Beispiel in der Bronzezeit teure Gegenstände mit billigen Gegenständen imitiert. Ich als Fleischesser muss sagen: wir sind auf dem richtigen weg!

Bild: Franz Bachinger auf Pixabay 2024

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