1/3: Von kleinen Händen, großen Mägen und der Kunst des Heranwachsens

Was Kinder so in der Vergangenheit gegessen haben 1/3

Kindernahrung im archäologischen Befund und kulturellen Gedächtnis

Was haben Kinder vor Jahrtausenden gegessen – und was können wir daraus lernen? Die frühen Mahlzeiten der Menschheit sind mehr als bloße Ernährungsgeschichte. Sie stehen für Fürsorge, Gemeinschaft und den sozialen Akt des Essens. Wer sich mit der Geschichte des Heranwachsens beschäftigt, verfolgt zugleich die Entstehung dessen, was wir heute Familie, Gesellschaft und Kultur nennen.

Als Archäologe – und Koch in einer Kindertagesstätte – begegne ich dieser doppelten Perspektive täglich: Kinderernährung ist stets Nahrung und Bindung zugleich. Der Tisch wird so zum Ort, an dem kulturelle Identität eingeübt und weitergegeben wird.

Erste Nahrung: Alt- und Jungsteinzeit

In der Altsteinzeit bildeten Muttermilch und längeres Stillen die Basis kindlicher Ernährung. Anthropologisch wie archäologisch belegt ist das lange Stillen von Kleinkindern über die ersten Lebensjahre hinaus, gesichert durch Isotopenanalysen von Skeletten. Ergänzt wurde die Ernährung durch zerdrückte Beeren, Nüsse oder weich gekautes Fleisch. Nahrungssicherheit war eng verbunden mit dem Wissen der Gemeinschaft über essbare Pflanzen sowie Fleisch- und Fischressourcen.

Mit der Sesshaftigkeit in der Jungsteinzeit verlagerte sich das Bild: Breie aus Getreide wie Emmer und Gerste, gekocht in Keramikgefäßen, ergänzten das Stillen. Tierhaltung lieferte Milch, doch deren Verdauung war für Kleinkinder nicht selbstverständlich. Die archäologischen Funde von Kochgeschirr mit Milch- und Getreiderückständen belegen, dass die ersten Breie vor über 7000 Jahren wesentlicher Bestandteil der Kinderkost waren. Damit begann jene Kulturgeschichte des „Essens am Herd“, die unsere Vorstellung vom gemeinsamen Mahl bis heute prägt.

Bronze- und Eisenzeit: Brei, Milch und erste Tischgemeinschaft

Während des Stillens die wichtigste Grundlage blieb, erweiterten sich die Speisen durch gekochte Getreidebreie sowie Milchprodukte. Archäologische Funde von kleinen Schalen – teils als „Saugflaschen“ interpretiert – weisen darauf hin, dass bestimmte Gefäße eigens für die Ernährung von Kleinkindern gedacht waren. In der Eisenzeit kamen Brot, Käse und Fleisch hinzu, die zunächst in kleiner Menge Kindern vorbehalten wurden. Nahrungserziehung bedeutete zugleich Teilnahme an den rituellen und praktischen Mahlzeiten der Gemeinschaft.

Antike Kindheit: Ammen, Honig und Wein

In der Antike war die Kinderpflege oft abhängig vom sozialen Stand. Wohlhabende Familien überließen das Stillen Ammen. Erste feste Nahrung bestand aus Breien, häufig mit Honig gesüßt – ein früher Hinweis auf die Einführung von „Schmecken“ und „Naschen“. In schriftlichen Quellen wird auch von verdünntem Wein berichtet, der symbolisch in die Flüssigkeitsversorgung und Tischgemeinschaft integriert wurde – ein aus heutiger Sicht unvorstellbares Ritual. Neben Breien dominierten Gemüse, Hülsenfrüchte, Fisch und Getreideprodukte.

Mittelalter: Einfachheit und soziale Ordnung

Stillen war auch im Mittelalter verbreitet, doch manche medizinischen Schriften bewerteten Muttermilch kritisch. Kinderernährung war stark durch soziale Unterschiede geprägt: Die breite Bevölkerung griff auf Breie aus Hafer oder Dinkel zurück, Milchprodukte ergänzten die Versorgung, Fleisch blieb selten. Archäologische Befunde und Textquellen verdeutlichen die Einfachheit dieser Küche, die zugleich stark sozial kodiert war. Essen war Pflicht, Ordnung und Fürsorge – nicht Genuss.

Renaissance und frühe Neuzeit: Gewürze, Zucker und Mahlzeitenstruktur

Mit dem Fernhandel erreichten Zucker, Reis und exotische Gewürze Europa. Für Kinder wohlhabender Familien wurden gesüßte Speisen zu Zeichen von Fürsorge und Status, während die Mehrheit der Kinder weiterhin von Getreide- und Milchbreien lebte. In der frühen Neuzeit veränderte sich zudem die Mahlzeitenstruktur: drei Hauptmahlzeiten etablierten sich. Kartoffel, Mais und neue Gemüsesorten fanden den Weg in die Ernährung, und ein erstes Bewusstsein für „gesunde Kost“ von Kindern lässt sich in Empfehlungen medizinischer Schriften nachvollziehen.

Kinderernährung als Spiegel von Fürsorge und Gemeinschaft

Gemeinsam essen bedeutet seit Jahrtausenden mehr, als den Hunger zu stillen. In allen Epochen war Ernährung nicht nur Überlebenssicherung, sondern zugleich soziales Band. Archäologische Funde von Gefäßen, Knochenanalysen und historische Quellen zeigen, wie intensiv Kindheit und Ernährung mit kultureller Gemeinschaft verwoben sind.

Ob am Feuer der Steinzeit, im Klosterrefektorium des Mittelalters oder am bürgerlichen Esstisch der Neuzeit: Essen war stets Ausdruck von Fürsorge, pädagogische Praxis und kulturelle Zugehörigkeit. Wer Kinder ernährt, formt nicht nur Körper, sondern auch soziale Identität.

Fazit: Die vielschichtige Bedeutung von Essen für Kinder und mich

Essen ist für Kinder weit mehr als reine Nahrungsaufnahme. Es ist ein zentraler Teil des Heranwachsendens, das Lernen von sozialen Regeln, Identitätsbildung und emotionale Bindung. Durch das gemeinsame Speisen erfahren Kinder Fürsorge, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Diese elementaren Erfahrungen prägen ihre körperliche und geistige Entwicklung sowie ihr Bild von Gemeinschaft und Kultur.

Für mich als Archäologe ist das Essen von Kindern ein faszinierender Schlüssel, um über die Jahrtausende hinweg in das Alltagsleben vergangener Gesellschaften einzutauchen. Die materiellen Hinterlassenschaften – ob Keramik, Knochen oder pflanzliche Reste – erzählen von Fürsorgepraktiken, sozialen Strukturen und kulturellen Traditionen. So wird Essen zur Brücke, die Archäologie lebendig macht: Es verbindet uns mit den Menschen längst vergangener Zeiten durch eine universelle Handlung, die wir alle teilen.

Als Koch betrachte ich Essen als schöpferischen und pädagogischen Akt. Es geht nicht nur um Zubereitung und Geschmack, sondern um das Wecken von Neugier, das Vermitteln von Wertschätzung für Lebensmittel und um Genuss, der sowohl Körper als auch Seele nährt. Ernährung bedeutet Verantwortung, Vielfalt und Kreativität zugleich.

In meiner täglichen Arbeit als Koch in der Kindertagesstätte wird diese Verantwortung besonders konkret. Hier erlebe ich, wie Essen zur sozialen Praxis wird, die Kinder in ihrer Entwicklung begleitet. Ich sehe, wie Mahlzeiten Gemeinschaft stiften, wie Kinder durch Geschmack und Rituale Sicherheit finden und wie ihnen durch altersgerechte Gerichte und Geschichten ein Bewusstsein für Esskultur vermittelt wird. Meine Aufgabe ist es, diese uralten Zusammenhänge lebendig zu halten und auf die Bedürfnisse der Kinder von heute einzugehen – mit Empathie, Wissen und kulinarischer Kompetenz.

So wird jede Mahlzeit in der Kita selber zu einer kleinen Zeitreise, in der Geschichte, Kultur und Gemeinschaft erfahrbar werden. Essen ist dabei nicht nur tägliche Notwendigkeit, sondern ein wesentlicher Baustein des Aufwachsens und des Miteinanders – gestern wie heute.

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