
Morgen, am 29. September 2025, schließt das Badische Landesmuseum im Karlsruher Schloss für eine umfassende Renovierung seine Türen. Die Generalsanierung wird voraussichtlich sechs bis sieben Jahre dauern, vermutlich bis Anfang oder Mitte der 2030er Jahre, während der Zeit bleiben die Ausstellungen geschlossen. Rund 17.500 Exponate werden sorgfältig verpackt und eingelagert, bevor das historische Gebäude grundlegend modernisiert, sicherer und vor allem barrierefrei gestaltet wird. Für alle, die sich für die kulturhistorische Vielfalt und die umfassende Landesgeschichte interessieren, ist das ein großer Einschnitt und auch ein Moment der Reflexion. Nach fast zehn Jahren als Kulturvermittler in diesem Museum teile ich hier meine Erfahrungen und Einschätzungen zur Bedeutung des Hauses, zur Schließung und zu den Chancen, die die Renovierung für die zukünftige museale Arbeit eröffnet.
Kulturgeschichte in all ihren Facetten
Das Badische Landesmuseum ist es ein kulturhistorisches Universalmuseum, das mit seinen Sammlungen mehr als 50.000 Jahre Geschichte in all ihren gesellschaftlichen, künstlerischen und ökonomischen Dimensionen abbildet. Die Objekte erzählen von den frühen Hochkulturen des Mittelmeerraums, den römischen Lebenswelten am Oberrhein, der mittelalterlichen Gesellschaft, der Herrschaftsgeschichte Badens und den kulturgeschichtlichen Wendepunkten bis in die Gegenwart.
Besonders eindrucksvoll sind die Zeugnisse, die den Alltag und die Lebenswelten der Menschen nahebringen: von archäologischen Funden über kunsthandwerkliche Objekte bis hin zu historischen Insignien und weltweiten Handelsbeziehungen. Die Vielfalt der Sammlungen und Ausstellungen macht das Museum zu einem lebendigen Spiegel der kulturellen Entwicklung, wobei es gelingt, regionale Besonderheiten Badens im europäischen und weltweiten Kontext zu verorten.
Kulinarische Themen im Rahmen eines größeren Ganzen
Innerhalb dieses breiten kulturhistorischen Spektrums nehmen kulinarische Themen einen wichtigen, aber nicht dominierenden Platz ein. Es sind vor allem die Alltagskultur und soziale Lebensweisen, in denen Essen und Trinken als Teil menschlicher Existenz gezeigt werden. Beispielsweise finden sich hier Kochgeräte, Essgeschirr und Überreste von Speisen, die Einblicke in Ernährung, Technik und sozialen Umgang mit Nahrung geben – von der Steinzeit über die Römer bis in die Neuzeit.
Diese kulinarischen Facetten werden stets in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen betrachtet. Das Museum bettet sie ein in Fragen nach Produktion, Handel, sozialer Differenzierung und Ritualisierung. Doch das eigentliche Profil des Museums bleibt die umfassende Darstellung kulturgeschichtlicher Dynamiken mit der Esskultur als Teilaspekt.
Die technische Evolution von Küche und Haushalt
Die Entwicklung der Kochtechnik, die Nutzung von Werkstoffen und die Organisation des häuslichen Raumes sind Beispiele dafür, wie technische und kulturelle Veränderungen miteinander verschränkt sind. Vom Feuerstein bis zum Kupfertopf zeigt das Museum die Innovationen, die Herstellungsprozesse, die soziale Praxis des Kochens und Essens beeinflussten.
Diese Dimensionen besonders zu vermitteln, gehörten auch zu meinen Aufgaben als Kulturvermittler. Die sinnliche Erfahrung etwa an historischen Kochutensilien oder Erzählungen über Einfluss und Bedeutung bestimmter Geräte ermöglichten Besucher:innen einen konkreten Zugang zu sonst abstrakten historischen Konzepten.
Regionalgeschichte und kulturelle Identität
Einen großen Schwerpunkt des Museums bildet die Landesgeschichte Badens selbst – von seinen geologischen Grundlagen über wirtschaftliche Entwicklungen bis hin zu gesellschaftlichen Strukturen. Dabei treten regionale Foodways als ein Ausdruck von Identität hervor, die zum Beispiel mit dem Weinbau, den traditionellen Handwerken oder mit typischen Küchenpraktiken verbunden sind, doch immer als Teil einer komplexen, kulturellen Gesamtschau.
Die regionale Perspektive verbindet das Museum geschickt mit der europäischen und globalen Geschichte, sodass die Besucher:innen Zusammenhänge von kulturellem Austausch, Konflikten und Handel erleben können. Dies macht die Geschichte lebendig und relevant für unterschiedliche Interessengruppen.
Vermittlung zwischen Fachdiskurs und Öffentlichkeit
Die Arbeit als Kulturvermittler in diesem breit gefächerten Museum war für mich ein Genuss und eine ständige Herausforderung zugleich. Es galt, komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse anschaulich, verständlich und dennoch fundiert an unterschiedlichste Besucher:innen zu vermitteln – von Schulklassen über touristische Gruppen bis hin zu Fachkollegen. Kulinarische Themen boten dabei einen kraftvollen Zugang, waren aber nie alleiniger Schwerpunkt.
Die Zusammenarbeit mit meinen Kolleg:innen war geprägt von Respekt und Engagement, was das Arbeitsklima bereicherte. Auch wenn die nun begonnene Schließung eine schmerzhafte Unterbrechung ist, birgt sie gleichzeitig die Chance, museale Angebote qualitativ weiterzuentwickeln und neue Zugänge zu schaffen.
Sanierung: Notwendigkeit, Herausforderung und Chance
Die Sanierung des im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestalteten und im Zweiten Weltkrieg beschädigten Karlsruher Schlosses wird das Badische Landesmuseum langfristig auf moderne Standards heben. Barrierefreiheit, Umweltschutz, Brandschutz und die Sicherung der wertvollen Sammlungen sind wichtige Gründe für die mehrjährige Schließung.
Trotz aller Widrigkeiten eröffnet die Renovierung die Möglichkeit, das Museum fit für die Zukunft zu machen. Innovative Ausstellungskonzepte, die auch digital und multisensorisch arbeiten, können künftig unterschiedliche Zielgruppen ansprechen und ein lebendiges, interaktives Erlebnis schaffen.
Wissensquelle und Impulsgeber für Forschung und Gesellschaft
Das Badische Landesmuseum ist eine zentrale Adresse für die kulturelle Vermittlung in Baden-Württemberg und darüber hinaus. Es verknüpft Archäologie, Geschichte, Kunst und Kulturwissenschaft auf einzigartige Weise. Dieses breite Spektrum macht das Haus attraktiv für Wissenschaftler:innen, Studierende, Kulturschaffende und ein interessiertes Publikum.
Gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die aus dem Museum hervorgeht, ist ein wertvoller Impulsgeber für neue Forschungsansätze und Projekte auch im Bereich der angewandten Kulturgeschichte, gesellschaftlicher Diskussionen und der musealen Vermittlung.
Das Badische Landesmuseum steht für die Vielfalt und Tiefe unserer gemeinsamen Geschichte. Als Kulturvermittler bin ich stolz, einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben, diese Geschichten einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Mit Spannung und Zuversicht blicke ich auf die bevorstehende Renovierung und die Chancen, die sie für die Zukunft unseres Museums und seine Besucher:innen mit sich bringt.
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Foto: Nils Stadje 2021