Wein

Das flüssige Gedächtnis: Eine 8.000-jährige Reise zum Urgeschmack der Menschheit

Von den neolithischen Lehmböden Georgiens bis in die Sternegastronomie der Gegenwart: Wein ist weit mehr als vergorener Traubensaft. Er ist ein kulturelles Archiv, ein rituelles Bindemittel und die molekulare DNA unserer Zivilisation. Wer heute ein Glas hebt, tritt eine Zeitreise an, die vor acht Jahrtausenden in einem dumpfen Tonkrug begann.

Der kaukasische Urknall: Wo die Erde atmet

Die Geschichte beginnt nicht im glitzernden Kelch, sondern in der Stille des Bodens. Wir schreiben das sechste Jahrtausend vor Christus. In den fruchtbaren Ausläufern des Kaukasus, an Fundplätzen wie Shulaveri-Shomutepe und Gadachrili Gora, vollzog sich eine der bedeutendsten Transformationen der Menschheitsgeschichte. Während der Mensch lernte, sesshaft zu werden, geschah etwas Magisches: Die wilde Rebe (Vitis vinifera sylvestris) wurde nicht mehr nur gesammelt, sondern kultiviert.

Die Archäologie hat uns den „Rauchenden Colt“ dieser Geburtsstunde geliefert. Mittels Gaschromatographie-Massenspektrometrie (GC-MS) konnten Forscher in den Poren uralter Tonscherben den molekularen Fingerabdruck des Weins isolieren: Weinsäure, Apfelsäure und Bernsteinsäure. Doch es war die Art der Vinifizierung, die uns heute den Atem raubt. Es ist die Geburtsstunde der Qvevri-Tradition.

Diese gewaltigen, eiförmigen Tongefäße, die bis zu 10.000 Liter fassen, wurden bis zum Hals in den Boden eingegraben. In einer Zeit ohne Elektrizität und Edelstahl war dies eine geniale technologische Lösung. Die Erde fungierte als natürliche Klimaanlage und hielt die Fermentation bei einer konstanten, kühlen Temperatur. Was in diesen Gefäßen reifte, war jedoch kein Wein, wie wir ihn heute im Supermarkt finden. Durch den monatelangen Kontakt mit Schalen, Kernen und Stielen – den Rappen – entstand ein Elixier von extremer phenolischer Dichte. Die poröse Keramik ermöglichte eine Mikrooxidation, die Aromen von getrockneten Früchten, Walnüssen und einer feuchten, mineralischen Erdigkeit hervorbrachte. Dieser Wein war kein bloßes Getränk; er war das Fundament der neolithischen Revolution, ein sakrales Gut, das die Menschen an ihren Boden band.

Die Professionalisierung des Rausches: Zwischen Euphrat und Nil

Vom Kaukasus aus trat der Wein seinen Siegeszug als Instrument der Macht an. Im Iran, etwa in Hajji Firuz Tepe, finden wir bereits vor 7.000 Jahren Neun-Liter-Töpfe mit Weinstein-Rückständen. Doch erst das Alte Ägypten professionalisierte den Weinbau zur ersten staatlich gelenkten Luxusindustrie.

Im Niltal war Wein von Anbeginn eine Machtfrage. Wer die Weinberge kontrollierte, kontrollierte den Zugang zu den Göttern. Die Abydos-Palette des Königs Skorpion I. (um 3.150 v. Chr.) zeigt Wein bereits als Attribut herrschaftlicher Fülle. In der Grabkammer des Tutanchamun stießen Archäologen auf über 26 Weinkrüge, deren Beschriftungen moderne Etiketten in den Schatten stellen: „Jahr fünf: Sehr guter Wein aus dem Gut des Hauses Aton“. Diese Zeugnisse belegen ein tiefes, frühzeitiges Verständnis für Terroir und Jahrgangstypizität. Lange glaubte man, die Pharaonen hätten primär Rotwein konsumiert, doch die Analyse von Syringasäure bewies 2004: Auch Weißwein war fester Bestandteil der rituellen Tafel. Im Gegensatz zum Bier, das als tägliches Grundnahrungsmittel fungierte, war der Jrp (Wein) das Medium der Libation, mit dem die lebensspendende Nilflut heraufbeschworen wurde.

Parallel dazu entwickelte sich in Mesopotamien eine eigene Ästhetik des Genusses. Im Gilgamesch-Epos wird die „Himmelsrebe“ besungen, doch aufgrund des heißen Klimas im Zweistromland blieb der Wein ein rares, kostbares Importgut aus den kühlen Bergen des Zagros. Keilschrifttafeln dokumentieren Wein als diplomatisches Geschenk, das in goldenen Bechern gereicht wurde, während das Volk in den Tavernen Bier aus Strohhalmen trank. Hier trennte der Wein bereits die soziale Schichtung: Weinbesitz bedeutete Teilhabe an einer fernen, exklusiven Welt.

Der Barcode der Antike: Von der Demokratie des Symposions zur Logistik der Macht

Mit der griechischen Kolonisation und dem späteren Aufstieg Roms wurde Wein zum ersten globalen Handelsgut der Menschheit. Doch er war mehr als nur Ware: Er war ein Distinktionsmerkmal. In den griechischen Stadtstaaten entwickelte sich das Symposion – ein rituelles Trinkgelage, das strengen Regeln unterlag. Hier trennte sich die Spreu vom Weizen: Wer seinen Wein nicht mit Wasser mischte, galt als Barbar. Die Griechen deklarierten Inseln wie Chios, Lesbos und Thasos zu den ersten „Grand Cru“-Lagen der Antike und schützten deren Ruf durch strenge Herkunftsbezeichnungen.

Wrackfunde wie das von Alonissos, das mit über 4.000 Amphoren sank, zeugen von einer Logistik, die für damalige Verhältnisse gigantisch war. Die Amphore selbst entwickelte sich zum technologischen Meisterwerk und zum ersten Datenträger der Handelsgeschichte. Römische Amphoren trugen die sogenannten Tituli Picti – Aufschriften, die Auskunft über Produzenten, Kontrolleure und Bestimmungsorte gaben. Es war der Vorläufer des modernen Weinetiketts.

In Rom wurde Wein schließlich zum Massenphänomen, das die soziale Schichtung zementierte. Während die Elite in den Villen von Pompeji opulente Feste mit Spitzenweinen wie dem legendären Falernter feierte – einem Wein, der durch jahrzehntelange Lagerung eine bernsteinartige Farbe und enorme Komplexität entwickelte –, trank das einfache Volk in den Tabernae den billigen Posca, ein Gemisch aus Essigwein und Wasser.

Die Häfen von Ostia und die Militärlager am Rhein wurden zum Umschlagplatz einer Weinlogistik, die Rom mit jährlich schätzungsweise 100 Millionen Litern versorgte. Der Wein dieser Ära war oft mit Pinienharz konserviert oder wurde zum Conditum Paradoxum veredelt – ein mit Honig, Lorbeer und Pfeffer gewürzter Wein, der heute in der gehobenen Gastronomie als Inspiration für historische Pairings dient. Hier wurde der Wein zum Bindemittel des Imperiums: Wo ein römischer Legionär stationiert war, da floss auch der Wein.

Das klösterliche Labor: Die Erfindung des modernen Terroirs

Nach dem Ende der Antike brach das Wissen nicht weg; es zog sich hinter Klostermauern zurück. Klöster wurden zu den ersten önologischen Forschungszentren der Welt. Die Benediktiner und später die Zisterzienser betrachteten die Arbeit im Weinberg als Gottesdienst – ora et labora am Rebstock.

Das Capitulare de villis Karls des Großen legte bereits fest, welche Sorten anzubauen seien, doch es waren die Mönche von Cîteaux und Eberbach, die die europäische Weinlandkarte, wie wir sie heute kennen, final zeichneten. Im Rheingau und im Burgund wurden Mauern um die besten Lagen gezogen – die Geburtsstunde der „Clos“. Die Zisterzienser verstanden es meisterhaft, die Bodenbeschaffenheit zu lesen. Sie isolierten Pinot Noir und Riesling und schufen durch jahrhundertelange Selektion Klone, die noch heute die Basis der Weltklasseweine bilden. Klöster wie Eberbach fungierten als gewaltige Wirtschaftsbetriebe, deren „Riesenfässer“ und Kelterhallen von einer fast industriellen Dimension des Weinbaus im 12. Jahrhundert zeugen. Hier wurde der Wein auch zum medizinischen Heilmittel: Hildegard von Bingen empfahl ihn zur „Blutreinigung“ und unterschied bereits präzise zwischen der physiologischen Wirkung verschiedener Lagen.

Das flüssige Gold und die globale Expansion

Das 17. und 18. Jahrhundert markieren den Aufstieg der legendären Süßweine. In Tokaj entstand durch die Kombination aus vulkanischen Böden und der Botrytis (Edelfäule) das „flüssige Gold“. Der Tokajer Aszú wurde zum Wein der Könige – geschätzt von Zar Peter dem Großen bis zu Ludwig XIV. Die Einführung der Puttonyos-Skala zur Messung der Süße war eines der ersten strengen Qualitätskontrollsysteme der Welt.

Zur gleichen Zeit sorgte der Kolumbianische Austausch für eine globale Expansion. Spanische Jesuiten brachten die Rebe nach Chile und Argentinien, während der Vertrag von Methuen 1703 den Aufstieg des Portweins besiegelte. Wein war nun kein regionales Agrarprodukt mehr, sondern ein geopolitisches Instrument und ein Symbol des barocken Überflusses.

Die Zukunft der Vergangenheit: Archäologie auf dem Teller

Heute, im 21. Jahrhundert, schließt sich der Kreis. Die moderne Weinwelt blickt zurück, um Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels zu finden. In archäologischen Archiven werden karbonisierte Kerne analysiert, um hitzeresistente Wildreben-Gene zu identifizieren. Vergessene Rebsorten wie der Gänsfüßer, die bereits in mittelalterlichen Quellen gerühmt wurden, finden ihren Weg zurück in die Spitzenrestaurants.

In der aktuellen Fine-Dining-Kultur erleben wir eine Renaissance der historisch inspirierten Weine. Amphorenweine, die ohne Schwefel und mit langen Standzeiten vinifiziert werden, fordern den Gaumen heraus und erinnern an die erdigen Aromen der Shulaveri-Gora. Die Archäologie liefert hierfür die molekulare Basis.

Wenn wir heute einen Wein aus einem Qvevri trinken oder ein Gericht nach den Rezepten des Apicius genießen, schmecken wir nicht nur ein Getränk – wir schmecken 8.000 Jahre Zivilisationsgeschichte. Der Wein bleibt, was er seit dem Neolithikum war: der rote Faden der Menschheit, konserviert in Ton und Glas. Ein Erbe, das uns lehrt, dass wir die Zukunft nur verstehen, wenn wir die Tiefe unserer Geschichte im Glas finden.

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